Unglücke im Schienenverkehr

Obwohl der Schienenverkehr von der Technik her ein sehr sicheres Verkehrsmittel ist, bleibt es nicht aus, dass sich gelegentlich auch Unfälle ereignen. Auch die Region Kassel blieb von solchen Ereignissen nicht verschont. Nachfolgend eine Aufstellug der mir bekannten Unfälle im 20. Jahrhundert:
24.8.1872, Grebenstein
Ein Richtung Kassel fahrender Schnellzug entgleiste in der südlichen Bahnhofsausfahrt. Der Lokheizer kam dabei zu Tode. Man nahm seinerzeit dieses Unglück zum Anlaß, die Trassierung der Bahn zu ändern. Ein neuer (und heute noch existierender) Bahnhof wurde außerhalb des Ortes angelegt. Der Umbau dauerte drei Jahre, 1875 wurde die "Neubaustrecke" erstmals befahren, 1934 die nicht mehr benötigten Viadukte der aufgelassenen Strecke abgerissen.
6.2.1898, Waldkappel
Von einem Unglück auf der Strecke Eschwege- Kassel berichtet Hermann Friske: der Personenzug 451 entgleiste aufgrund eines Schienenbruchs nahe der Wehrebrücke. Lok und drei Wagen stürzten vom Bahndamm, nur der Gepäckwagen blieb auf den Gleisen. Einer der abgestürzten Personenwagen rutschte in die Wehre. Lokführer, Heizer und sieben Reisende wurden leicht verletzt.
25.7.1919, Guntershausen
Ein Zugunglück im Bahnhof Guntershausen fordert ein Todesopfer (Quelle: eisenbahn- kurier 7/2009, Chronik für den Monat Juli).
Die "Hessische Post" vom 26.7.1919 scheibt dazu:
Ein schweres Eisenbahnunglück ereignete sich in der Nacht von Donnerstag auf Freitag auf der Strecke der Main-Weser-Bahn zwischen den Stationen Guntershausen und Rengershausen. An der nördlichen Einfahrt des Bahnhofs Guntershausen fuhr der Güterzug 6611, wie der amtliche Bericht mitteilt, gegen 3 Uhr 30 Minuten dem im Ausfahren begriffenen Güterzug 8749 durch Überfahren des auf Halt stehenden Einfuhrsignals in die Flanke. Dabei wurde ein Bremser getötet, ein Bremser des anderen Zuges leicht verletzt. Das übrige Dienstpersonal kam mit dem Schrecken davon. Etwa 20 Wagen waren entgleist, zwölf davon vollständig zetrümmert. Die dadurch hervorgerufenen Beschädigungen der Geleise machten die Sperrung beider Hauptgeleise erforderlich. Die Schnellzüge wurden umgeleitet, der Personenverkehr konnte durch Umsteigen aufrecht erhalten werden. (...) Das östliche Hauptgleis wird voraussichtlich Freitag abend, das westliche Sonnabend mittag frei sein. Der durch den Zusammenstoß hervorgerufene Materialschaden ist sehr beträchtlich. Wen die Schuld des Zusammenstoßes trifft, wird die eingeleitete Untersuchung ergeben müßen. Am 27.7.1919 wird nachgetragen:
Zum Eisenbahnunfall bei Guntershausen ist noch mitzuteilen, daß ein Teil des Casseler Güterzuges infolge des wuchtigen Anpralls mit dem von Frankfurt-Gießen komenden Güterzuges über das Brückengeländer der großen Bauna-Brücke hinweg in den Fluß hinab gestürzt ist. Eine Abordnung der hiesigen Eisenbahndirektion unter Führung des Herrn Ober- Regierungsrates Grabow und des Herrn Oberbaurates Schäfer, des Dezernenten der Main-Weser-Bahn, hat sich am Freitag nachmittag mittels Sonderzuges an die Unfallstelle begeben, um die erforderlichen amtlichen Erhebungen über die Entstehungsursache des Unglücks festzustellen. Die Entstehungsursache ist sehr wahrscheinlich darauf zurückzufühen, daß der aufrennende Casseler Güterzug, welcher mit Casseler Personal besetzt war, das Haltesignal bei der Einfahrt in den Bahnhof Guntershausen überfahren hat.
8.5.1927, Hugo Preuss- Strasse
Die Endstation "Druseltal" liegt in einem starken Gefälle. Am 8. Mai 1927 rollte der mit Fahrgästen, aber ohne Personal, besetzte Wagen 105 zu Tal, entgleiste in einer Kurve, überschlug sich und wurde zertrümmert. Es waren 9 Tote und 20 Verletzte zu beklagen.
23.11.1927, Herkulesbahn
Am Vormittag des 23.11.1927 stiessen im Druseltal zwei Fahrzeuge der Herkulesbahn frontal aufeinander. Es gab zwei Schwerverletzte. Der talwärts fahrende Wagen hatte wegen vereister Schienen nicht mehr bremsen können.
1941, Hugo Preuss- Strasse
Im Jahr 1941 wiederholte sich der Unfall aus 1927. Diesmal rollte beim Umsetzen der Beiwagen 525 talwärts, entgleiste in der Kurve und erfasste 2 Spaziergänger, die dabei zu Tode kamen. Nach diesem Unglück wurde eine Schutzweiche eingebaut, die bis 1981 existierte. Auf dem Bild aus 1980 erkennt man sie im Schatten des Beiwagens.
12.4.1941, Naumburger Kleinbahn
Auf der Kleinbahn ereignet sich an diesem Tag eine folgenschwere Entgleisung. Lok und Wagen stürzen den Bahndamm hinab. Glücklicherweise sind keine Toten zu beklagen.
2.3.1945, Eschwege West
Bei einer Flankenfahrt wird 01 1067 so schwer beschädigt, daß sie ausgemustert werden muß. Es ist die einzige Lok dieser Baureihe, die nicht mehr zur DB gelangt.
20.8.1946, Wilhelshöhe- die Brücke brennt
Die Strassenbrücke im Zuge der Wilhelmsöher Allee überlebte den zweiten Weltkrieg. In der Nacht vom 20. zum 21. August 1946 jedoch wurde sie durch einen brennenden Kesselwagen zerstört. Während der damals noch spärliche Strassenverkehr wohl leicht über die benachbarten Brücken bzw. durch die Unterführung Regentenstrasse umgeleitet werden konnte, ergaben sich für die Strassenbahn erhebliche Behinderungen: der Betriebshof Wilhelmshöhe war vom Netz getrennt! Mit grossem Aufwand wurden die erforderlichen Wagen auf Tiefladern auf die Ostseite der beschädigten Brücke transportiert, um von dort aus den Strassenbahnbetrieb in Kassel aufrecht zu erhalten. Recht schnell wurde eine Behelfsbrücke errichtet, die wiederum in 1947 durch einen Neubau ersetzt wurde. Dieser "Neubau" musste 1988 dem als Brücke ausgeführten Bahnhofsvorplatz (Willy Brandt- Platz) weichen. Das Bild zeigt das Einhängen der Träger für die neue Brücke.
6.9.1946, Hessisch-Lichtenau
Ein Personenzug entgleist, drei Wagen stürzen um, sieben Reisende werden verletzt.
14.2.1947, Volkmarsen
Ein Personenzug stößt auf einen im Bahnhof stehenden Güterzug. Es gibt sieben Leichtverletze.
17.11.1947, Obervellmar
Ein Güterzug überfährt einen Prellbock, Lok, Begleitwagen und fünf Güterwagen stürzen einen Hang hinunter. Lokführer, Heizer und Zugführer werden getötet.
15. 9. 1954, Bebra
In der "Göttinger Kurve" fährt der Schnellgüterzug SG5555 auf den stehenden Personenzug P1897 (Bebra-Kreiensen) auf. In den Trümmern der beiden letzten Personenwagen sterben vier Menschen.
17. 1. 1955, Hann. Münden
Bei starkem Sturm rollt ein Güterwagen 300 Meter weit ins Durchgangsgleis und bringt den von 01 1103 gezogenen D75 (Lindau-Kiel) zum Entgleisen. Ein Schlafwagenschaffner wird getötet, fünf Reisende verletzt.
6. 12 1955, Neukirchen (Kreis Hünfeld)
Ein Kesselwagenzug aus Hamburg kollidiert mit dem entgleisten Güterwagen eines entgegenkommenden Zuges aus Würzburg. Auslaufendes Öl und Benzin verschutzt Haune und Fulda.
4. 4. 1957, Niedervellmar
Bei Niedervellmar prallt ein Militärzug aus Berlin auf den stehenden D76 Kiel-Lindau. Es sind vier Todesopfer und neun Verletzte zu beklagen.
9. 9.1957, Geisterzug Industriebahn
Sechs abgestelle Güterwagen machen sich während eines Rangiervorganges selbstständig und rollen auf dem Industriegleis entlang der Bunsenstrasse zu Tal. Die rasante Fahrt endet in einer Fabrikhalle der Firma HENSCHEL. Das Leben eines mitfahrenden Ochsen, der für den nahegelegenen Schlachthof bestimmt war, wurde durch den Unfall um einige Stunden verkürzt. Obwohl zehn unbeschrankte Bahnübergänge überfahren wurden, kamen keine Menschen zu Schaden.
19.5.1958, Absturz der 92 585
Die Rangierlok hat offenbar einen Prellbock überfahren und ist auf die Straße "Schenkebier Stanne" gestürzt.
29.08.1963, Rangierbahnhof
In der Einfahrt zum Rangierbahnhof Kassel fährt ein Eilgüterzug, aus Obervellmar kommend, auf einen Durchgangsgüterzug. Es wird hoher Sachschaden vermeldet.
06.05.1972, Hofgeismar
Unter dem Richtung Kassel fahrenden Güterzug Sg5299 wird eine Weiche zu früh umgelegt. Der hintere Zugteil gerät auf das Gegengleis. Der aus Kassel kommende Sg5230 stößt frontal auf den "Geisterfahrer". Laut Ritzau, Katastrophen der deutschen Bahnen, Teil 2, gab es keine Toten und Verletzten, wohl aber erheblichen Sachschaden.
5.11.1973, Guntershausen
Am 5. November 1973 ereignete sich an der nördlichen Einfahrt des Bahnhofs Guntershausen ein schweres Zugunglück, welches 12 Menschenleben und viele Verletzte forderte. Der Ablauf ist später folgendermaßen rekonstruiert worden: 14:18 Der Interzonenzug D 453 Mönchengladbach-Leipzig verlässt mit 7 Minuten Verspätung den Kasseler Hauptahnhof. Er besteht aus 10 Wagen und einem blauen Aüm der DB als Zusatzwagen am Zugschluß. Bespannt ist der D 453 an diesem Tag mit der Kasseler 216 023.
    14:22 Der DC 973 Ederland mit 110 243 folgt dem Interzonenzug. Bis Guntershausen haben beide Züge den gleichen Weg, erst dort fährt der D 453 an der Ostseite des Inselbahnsteiges Richtung Bebra, während der DC nach Süden auf die Main- Weser- Bahn schwenkt.
  • 14:22 Der Lokführer des D 453 sieht das Vorsignal zur Einfahrt Guntershausen in Stellung "Vr2", also Langsamfahrt mit 40 km/h über die nachfolgende Weichenstraße. Er leitet die erforderliche Bremsung ein. Durch die sehr starke Verschutzung der Schienen mit Laub zusammen mit Nieselregen kann er den Zug nicht auf die erforderliche Geschwindigkeit abbremsen und wird von der INDUSI am Einfahrsignal gestellt. Der Zug steht nun im nördlichen Einfahrbereich des Bahnhofs Guntershausen, die letzten Wagen ragen noch vor das Einfahrsignal. Der Lokführer meldet eine Störung an den Fahrdienstleiter. Das davorliegende Blocksignal "Buchberg" zeigt ordnungsgemäß Hp0, da der Abschnitt bis Guntershausen ja noch nicht vollständig vom D 453 geräumt ist.
  • 14:29 Der D 975 fährt mit den erlaubten 120 km/h durch den Bahnhof Rengershausen. An der Ausfahrt zeigt bereits das Vorsignal zum Block Buchberg Vr0, d.h. "Halt erwarten". Im Normalfall reichen die nun folgenden 1000 m aus, den kurzen Zug zum Stehen zu bringen. Auch hier liegt aber nasses Laub auf den Schienen, sodaß der Lokführer die notwendige Reduktion der Geschwindigkeit nicht durchführen kann. Am 2000Hz- Magnet des Blocksignals Buchberg wird eine Zwangsbremsung ausgelöst. Mit immerhin 90 km/h gleitet der DC nun talwärts und prallt mit ca. 40 km/h auf den letzten Wagen des D 453.
  • 14:34 Ein Großeinsatz von Feuerwehr und Rettungsdiensten wird ausgelöst, um eingeklemmte Personen zu befreien, die Verletzten zu versorgen und die Toten zu bergen. Die Strecke bleibt bis zum nächsten Tag vollständig gesperrt. Das Wrack des Aüm wird auf dem Bahndamm abgelegt und später beseitigt. Die Zuglok 110 243 des DC 975 wird später repariert. Seit diesem Unglück besteht auf dem Streckenstück Rengershausen - Guntershausen eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 80 km/h.
8.12.1977, Lohfelden
13 Güterwagen rollen von Lohfelden aus in das waldauer Industriegebiet und überqueren dabei einige Bahnübergänge. Am ehemaligen Fieseler- Werk treffen sie auf 290 318, deren Lokführer beim Zusammenstoß glücklicherweise nur leicht verletzt wird.
15.06.1983, Oberzwehren
Auf einem eingleisigen Streckenabschnitt stoßen an diesm Tag zwei Straßenbahnen frontal aufeinander. 27 Fahrgäste werden teilweise schwer verletzt.
15.4.1986, Rengershausen
In der Nacht zum 15. April 1986 fährt ein Güterzug (mit 150 092) auf einen weiteren, im Bahnhof Rengershausen stehenden, Güterzug auf.
30.11.1989, Bettenhausen
Zwei mit Stahl beladene Flachwagen rollen von Kaufungen-Papierfabrik nach Bettenhausen. Auf dem Bahnübergang "Forstfeldstraße" erfassen sie einen PKW, dessen Fahrer noch an der Unfallstelle verstirbt.
03.07.1991, Ihringshausen
Auf der gerade in Betrieb genommenen Neubaustrecke entgleist ein Güterzug und beschädigt den Oberbau schwer.
5.7.1997, Neustadt (Kreis Marburg)
Vom Güterzug Seelze-Kornwestheim lösen sich mehrere Stahlrohre. Eines davon schlitzt den Steuerwagen des entgegenkommenden Regionalexpress Frankfurt-Kassel im unteren Bereich seitlich auf. Sechs Tote und 13 Verletzte sind zu beklagen.
1.11.2006, Obervellmar
In der Nacht zum 1. November 2006 stösst ein Güterzug (mit 155 109) auf einen Bauzug (mit NVAG-203). Drei Personen werden verletzt. Die 203 soll wieder aufgebaut werden, die 155 wartet auf der Ladestrasse auf ihre Zerlegung.
Literatur zum Thema:


Volker Credé, Kassel, im Februar 2008